- Trautmann
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Wer die Entwicklung der Apothekenlandschaft in Deutschland verfolgt, dem bleibt das Herz schwer. Ende 2025 waren bundesweit nur noch 16.601 Apotheken geöffnet – der niedrigste Stand seit knapp 50 Jahren. Allein im Jahr 2025 schlossen 502 Apotheken, während nur 62 neu eröffneten. „Seit 2008 hat jede fünfte Apotheke den Betrieb eingestellt“, erklärte ABDA-Präsident Thomas Preis kürzlich. Rein rechnerisch verschwindet nahezu jeden Tag eine Apotheke aus der Versorgung.
Die Ursache ist offenkundig: Seit der letzten Erhöhung des Festhonorars pro Arzneipackung im Jahr 2013 sind die Kosten in den Apotheken um 65 Prozent gestiegen. Die Vergütung pro rezeptpflichtiger Packung liegt seit 13 Jahren bei mageren 6,58 Euro – eine wirtschaftliche Schieflage, die immer mehr inhabergeführte Apotheken in die Insolvenz treibt.
Die fatale Honorar-Stagnation – 20 Jahre Stillstand, der Apotheken in den Ruin treibt
Ein eingefrorenes Honorar – bei explodierenden Kosten
Das Kernproblem des Apothekensterbens lässt sich auf eine einzige, fast unglaubliche Zahl reduzieren: 8,35 Euro. So viel erhalten Apotheken pro verschreibungspflichtiger Packung als Festzuschlag (Fixum) von den Krankenkassen. Davon abgezogen werden 1,77 € als sogenannter Kassenabschlag, eine Art Zwangsrabatt, den Apotheken an die Krankenkassen zahlen müssen. Verbleiben 6,58 € Honorar pro verschreibungspflichtiger Arznei-Packung, die in der Apotheke an Patienten abgegeben werden! Die letzte Erhöhung dieses packungsbezogenen Fix-Honorars liegt im Jahr 2013 – und selbst dieses Niveau war damals schon kaum höher als bei seiner Einführung im Jahr 2002.
Im gleichen Zeitraum jedoch sind die Betriebskosten der Apotheken um mehr als 60 Prozent gestiegen – in Sachsen sogar um 65 Prozent. Miete, Energie, Personal, Technik, Bürokratie – alles wurde teurer. Nur das Apothekenhonorar nicht.
Die ABDA warnt: Das Ergebnis der Apotheken habe sich inflationsbereinigt seit 20 Jahren kaum verändert. Real bedeutet das: Die Apotheker verdienen heute weniger als vor zwei Jahrzehnten – bei gleichzeitig massiv gestiegenem Arbeitsaufwand. „Ich habe mir seit 2004 nicht nur keine Gehaltserhöhung mehr geben können, sondern verdiene ja auch immer weniger“, bringt es Daniela Hänel, Vorsitzende der Freien Apothekerschaft, auf den Punkt.
50 Milliarden Euro – die unfassbare Bilanz der Unterfinanzierung
Ein aktuelles Gutachten im Auftrag der Freien Apothekerschaft hat erstmals die gesamtwirtschaftliche Dimension dieses politischen Versagens beziffert: Zwischen 2004 und 2024 haben die Apotheken den Krankenkassen durch die ausbleibende Honoraranpassung und die geleisteten Abschläge insgesamt rund 50 Milliarden Euro erspart.
Aufgeschlüsselt bedeutet das:
- Rund 21 Milliarden Euro entfielen auf die ausbleibende inflationsgerechte Anpassung des Fixums.
- Rund 29 Milliarden Euro summierten sich allein aus den Apothekenabschlägen.
Die Autoren des Gutachtens kommen zu einer erschütternden Prognose: Selbst wenn das im Koalitionsvertrag versprochene Fixum von 9,50 Euro nun kommt – was ungewiss ist –, würde es rund 23 Jahre dauern, bis die über die Jahre aufgelaufenen Kosteneinsparungen der Krankenkassen ausgeglichen wären. 23 Jahre! Eine ganze Generation von Apothekern würde also weiterhin für die Versäumnisse der Vergangenheit bezahlen.
„Während die Betriebskosten und der bürokratische Aufwand explodieren, wurde das Honorar der Apotheken real entwertet. Dass die Kassen mit diesem Geld unter anderem Werbung und Lifestyle-Maßnahmen finanzieren, ist ein Schlag ins Gesicht jedes Apothekers“, kritisiert Daniela Hänel.
Deutschland im europäischen Vergleich: Schlusslicht bei der Apothekendichte
Die Folgen dieser jahrelangen Unterfinanzierung sind nicht mehr zu übersehen. Die Apothekendichte in Deutschland ist auf 20 Apotheken pro 100.000 Einwohner gesunken. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich im unteren Drittel – viele andere Länder haben eine höhere Dichte, nur wenige eine niedrigere. Zum Vergleich: 2015 gab es noch 24,6 Apotheken je 100.000 Einwohner, 2025 waren es nur noch 19,9. Ein Rückgang um fast ein Fünftel in nur zehn Jahren.
Die Apothekenzahl insgesamt ist auf den niedrigsten Stand seit fast 50 Jahren gesunken. Ende 2025 gab es bundesweit nur noch 16.601 Apotheken – und der Trend setzt sich fort: Ende März 2026 waren es bereits nur noch 16.541 – ein Minus von 60 Apotheken allein im ersten Quartal. Seit 2013 ist die Apothekenzahl um knapp 20 Prozent zurückgegangen. Jede fünfte Apotheke musste bereits schließen.
Die Realität: 30 Prozent gefährdet – und kein Ende in Sicht
Die wirtschaftliche Lage vieler verbliebener Apotheken ist dramatisch. Gut 30 Prozent der Apotheken schreiben rote Zahlen oder gelten wirtschaftlich als gefährdet. Das hat fatale Folgen:
Investitionen werden zurückgestellt. Moderne Technik, ansprechende Räumlichkeiten, Weiterbildung des Personals – all das bleibt auf der Strecke, wenn jeden Euro dreimal umgedreht werden muss.
Nachfolger finden sich nicht mehr. Immer mehr inhabergeführte Apotheken können nicht mehr veräußert werden, weil kein Käufer bereit ist, ein wirtschaftlich angeschlagenes Geschäft zu übernehmen. Daniela Hänel berichtet: „Von einst zwei Apotheken in Sachsen führe ich heute nur noch eine: Das sollte eigentlich meine Altersvorsorge sein, aber ich habe keinen Käufer gefunden, der die Apotheke übernehmen wollte. Ich konnte sie nicht mehr halten.“
Fachkräftemangel verschärft die Krise. „Es wird immer schwieriger, junge Leute für diesen Beruf zu begeistern“, warnt ABDA-Präsident Thomas Preis. Wer in einem wirtschaftlich angeschlagenen System keine Perspektive sieht, entscheidet sich für andere Berufe.
Die Motivation der Inhaber schwindet. Nach Jahren des Kampfes gegen wirtschaftliche Widrigkeiten, gegen eine Politik, die nicht hört, und gegen eine Konkurrenz durch Versandapotheken, die mit unfairen Mitteln agiert, geben immer mehr Apotheker auf. Der Beruf, den sie einst aus Berufung ergriffen haben, wird zur Belastung.
Das fatale Signal der Politik
Während die Apotheken um ihr Überleben kämpfen, zeigt die Politik ein widersprüchliches Bild. Die im Koalitionsvertrag fest zugesagte Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro lässt weiter auf sich warten. Stattdessen plant die Regierung, den Kassenabschlag von 1,77 auf 2,07 Euro zu erhöhen – was einer versteckten Kürzung des Apothekenhonorars gleichkommt.
ABDA-Präsident Thomas Preis kritisiert: „Die nun avisierte Verhandlungslösung wird das Apothekensterben nicht stoppen.“ „Von der im Koalitionsvertrag fest zugesagten, dringend benötigten Honoraranpassung ist dort gar keine Rede mehr“, moniert er. Die Reform, die eigentlich die Apotheken stärken soll, bleibt ein politischer Kompromiss mit vielen Unbekannten – und droht am Ende den Versandapotheken mehr zu nützen als den Apotheken vor Ort.
Was auf dem Spiel steht
Wenn die Politik nicht endlich handelt, wird das Apothekensterben weitergehen – mit unabsehbaren Folgen für die Patientenversorgung: immer längere Wege, immer weniger persönliche Beratung, immer mehr Abhängigkeit von anonymen Versandapotheken. „Die umfassende Versorgung in den Apotheken wird dadurch gefährdet“, warnt Preis.
Die Apotheke vor Ort ist kein Auslaufmodell. Sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Gesundheitsversorgung – aber nur, wenn sie wirtschaftlich überleben kann. 13 Jahre Honorarstillstand bei 60 Prozent Kostensteigerung – das ist kein Versehen, das ist systematische Unterfinanzierung mit Ansage. Und es ist höchste Zeit, dass die Politik endlich die Reißleine zieht.
Zwei Reformvorhaben – ein Widerspruch
Die Politik hat reagiert – doch die Maßnahmen sind widersprüchlich und in ihrer Summe wenig durchdacht. Zwei Gesetzesvorhaben prägen derzeit die Debatte:
Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG)
Der Bundestag hat das ApoVWG am 22. Mai 2026 verabschiedet, der Bundesrat ließ es am 12. Juni 2026 passieren. Das Gesetz soll Apotheken wirtschaftlich stärken und ihre Kompetenzen erweitern. Konkret heißt das:
Apotheken dürfen künftig alle Totimpfstoffe verimpfen – von Grippe bis COVID-19, durchgeführt nicht nur von Apothekern, sondern auch von PTA oder Pharmazeuten im Praktikum.
Sie dürfen Schnelltests für eine Reihe von Erregern durchführen sowie Blut entnehmen.
Sie sollen unter bestimmten Umständen verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Rezept abgeben dürfen – sowohl bei bekannter Dauermedikation als auch bei akuten, unkomplizierten Erkrankungen.
Die Honorarerhöhung auf 9,50 Euro pro Rx-Packung soll in zwei Stufen kommen: zunächst auf 9 Euro zum 1. Juli 2026, dann auf 9,50 Euro zum 1. Januar 2027.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) spricht von einer „Stärkung der Apothekenlandschaft finanziell, in ihren Kompetenzen“ und einer Entlastung der Arztpraxen. Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) sieht das Gesundheitssystem durch die Reform „moderner, flexibler und patientennäher“.
Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (GKV-Spargesetz)
Parallel dazu plant die Regierungskoalition weitreichende Einsparungen im Gesundheitswesen. Der Hintergrund: Der GKV droht für 2027 ein Finanzdefizit von 19 Milliarden Euro. Auch die Apotheken sollen ihren Beitrag leisten – durch eine Erhöhung des Kassenabschlags von derzeit 1,77 Euro auf 2,07 Euro pro Rx-Packung, den sie als eine Art Zwangsrabatt an die krankenkassen zu zahlen haben. Und das unbefristet.
Der fatale Widerspruch: Mit der einen Hand geben, mit der anderen nehmen
Hier liegt das eigentliche Problem. Die Politik verspricht den Apotheken eine wirtschaftliche Stärkung durch höheres Honorar – und nimmt ihnen gleichzeitig durch höhere Abschläge das Geld wieder weg. Die geplante Abschlagserhöhung frisst einen Großteil der mageren Honorarerhöhung auf.
ABDA-Präsident Thomas Preis bringt es auf den Punkt: „Die Politik will die Apotheken stärken – und nimmt ihnen gleichzeitig wieder Geld weg. Das passt nicht zusammen.“ Wer künftig neue pharmazeutische Dienstleistungen, mehr Impfungen und Gesundheitstests von Apotheken erwarte, müsse gleichzeitig dafür sorgen, dass die Apotheken auf einer wirtschaftlich gesunden Basis agieren könnten. Neue Investitionen in Personal und Räumlichkeiten seien notwendig – neue finanzielle Belastungen seien da das falsche Signal.
Mit der Erhöhung des Abschlags werde „die durch die Fixumerhöhung für Apotheken erhoffte wirtschaftliche Stärkung quasi nivelliert“, warnte die ABDA in ihrer Stellungnahme. Die Schließungswelle werde damit nicht abgefedert – im Gegenteil: Sie werde verlängert. Derzeit gehen täglich zwei Apotheken vom Netz.
Was die Politik hier falsch macht
Die Regierung verwechselt Quantität mit Qualität und Aufgabenausweitung mit wirtschaftlicher Stärkung. Ja, Apotheken haben ungenutztes Potenzial. Ja, sie können mehr Aufgaben übernehmen. Aber mehr Aufgaben ohne auskömmliche Finanzierung sind kein Geschenk, sondern eine Bürde.
Doch das eigentliche Versagen der Politik liegt woanders: Sie adressiert nicht die Kernursache des Apothekensterbens. Die Apotheken brauchen keine Almosen in Form von Kompetenzerweiterungen, die sie nebenher noch erbringen sollen. Sie brauchen eine faire, inflationsangepasste Vergütung für ihre Kernleistung – die Abgabe von Arzneimitteln. Sie brauchen Planungssicherheit, nicht Widersprüche.
Was das für Patienten bedeutet – und warum es Sie betrifft
Liebe Leserin, lieber Leser, diese Politik hat fatale Auswirkungen – und zwar für Sie persönlich:
- Weniger Apotheken vor Ort. Wenn die Schließungswelle anhält, werden vor allem in strukturschwachen Gebieten und am Stadtrand die Wege zur nächsten Apotheke immer länger. Für ältere Menschen, für Familien ohne Auto, für chronisch Kranke wird die wohnortnahe Versorgung zur Herausforderung.
- Weniger Beratung und keine gute Beratungsqualität. Wer mit wirtschaftlichem Druck kämpft, kann nicht gleichzeitig Spitzenberatung bieten. Die Apotheke als vertrauensvolle Anlaufstelle – dieses Bild gerät ins Wanken, wenn Inhaber weniger verdienen als ihre angestellten Apotheker, wie es in 30 Prozent der Apotheken bereits der Fall ist.
- Mehr Konkurrenz für Versandapotheken. Von der geplanten Honorarerhöhung könnten vor allem große ausländische Versandapotheken wie DocMorris und Shop Apotheke profitieren. Das ist kein Service für Sie – das ist der schleichende Verlust persönlicher, fachkundiger Beratung vor Ort.
- Qualität statt Quantität. Impfungen, Tests, Blutentnahmen – all das sind sinnvolle Angebote. Aber sie ersetzen keine ärztliche Diagnostik. Die Vermischung der Kompetenzen birgt Risiken für die Patientensicherheit, warnt nicht nur die Ärzteschaft, sondern auch der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands.
Was jetzt getan werden muss
Die ABDA hat im Februar 2026 eine Online-Petition gestartet, die rund 315.000 Bürgerinnen und Bürger unterzeichnet haben. Das ist ein eindrucksvolles Zeichen: Die Menschen wollen ihre Apotheken vor Ort – mit persönlicher Beratung, mit vertrauten Gesichtern, mit kurzen Wegen.
Die Forderungen sind klar:
- Streichung des Kassenabschlags – nicht noch eine Erhöhung.
- Konsequente Umsetzung der versprochenen Stabilisierung ohne Abschwächungen und Verzögerungen.
- Eine echte, inflationsbereinigte Honorarreform – nicht nur eine symbolische Anhebung, die durch andere Belastungen aufgefressen wird.
Unser Appell an Sie
Liebe Leserin, lieber Leser, die Apotheke vor Ort ist mehr als eine Verkaufsstelle für Medikamente. Sie ist ein Gesundheitszentrum, eine vertrauensvolle Anlaufstelle, ein Ort der persönlichen Begegnung und Beratung rund um Arzneimittel und Selbstmedikation. Wenn wir dieses System verlieren, verlieren wir ein Stück unserer Gesundheitsversorgung, das durch keine Versandapotheke und durch keine noch so gut gemeinte Kompetenzerweiterung ersetzt werden kann.
Unterstützen Sie Ihre Apotheke. Nutzen Sie die Beratung vor Ort. Machen Sie sich stark für eine faire und nachhaltige Gesundheitspolitik – denn was heute an den Apotheken gespart wird, zahlen Sie morgen an anderer Stelle doppelt und dreifach.
Ihre Apotheke Bühlau – Naturheilkunde mit Herz und Verstand. Denn wir kämpfen nicht nur für Ihre Gesundheit, sondern auch für die Zukunft unserer Apotheken.
Quellen: APOTHEKE ADHOC, ABDA, Freie Apothekerschaft, Treuhand Hannover, Pharmazeutische Zeitung